Nachwuchswissenschaftlerinnen schreiben. Stimmen im Übergang zur Wissenschaft.

Ziel

Wie (re-)konstruieren Nachwuchswissenschaftlerinnen ihren Übergangsprozess in die Wissenschaft? Ziel des Projekts ist zu beleuchten, wie Wissenschaftlerinnen zu akademischen Schreiberinnen und Fachwissenschaftlerinnen werden (vgl. Grant & Knowles, 2000). Hierfür untersucht das Projekt, welche individuellen und kollektiven Stimmen in Diskursen von Wissenschaftlerinnen in der Promotions- und Postdoc-Phase rund um ihre akademischen Schreibpraktiken hörbar werden. Das Projekt soll Einblick geben, welche eigenen und fremden Stimmen zentral für den Übergang sind und inwiefern diese Stimmen mit anderen Stimmen der Nachwuchswissenschaftlerinnen in Einklang stehen. So illustriert das Projekt die verschiedenen Anforderungen und Bedingungen, aber auch die Möglichkeiten, denen sich Nachwuchswissenschaftlerinnen auf dem Weg zu einem stimmigen akademischen Selbst im Schreiben gegenübersehen.

Hintergrund

Der methodische Zugang erfolgt über eine qualitative Analyse mündlicher und schriftlicher (Re-)Konstruktionen von Schreibpraktiken mithilfe des Konzepts der Stimme. Das Konzept der Stimme in der hier eingenommenen sprachpsychologischen Perspektive ermöglicht eine Konzeption des Übergangs, die auf soziale und psychologische Aspekte gleichermaßen eingeht. Der Übergang geschieht in sehr konkreten Praktiken, die alle dialogische Praxis beinhalten: Interaktion mit anderen, akademisches Schreiben, innerer Dialog. Mit dem Begriff des Dialogischen Selbst (Hermans & Gieser, 2012; Hermans, 2001) und der Analyse der dynamischen, miteinander in Dialog stehenden Stimmen des Selbst (Bertau & Karsten, 2018; Bertau, 2013) wird daher ein Zugang gewählt, der den Übergang von Nachwuchswissenschftlerinnen zu akademischen Schreiberinnen und Forscherinnen an den Berührungspunkten von Sprache und Selbst und von Individuum und Gemeinschaft untersucht.

Forschungsbereich

Akademisches Schreiben ist eine entscheidende Praxis in der Entwicklung zur Wissenschaftlerin und der Ausbildung eines akademischen Selbst. Beim akademischen Schreiben verhandeln Nachwuchswissenschaftlerinnen mögliche Arten und Weisen, sich als Schreiberinnen und Wissenschaftlerinnen zu verhalten, persönliche und berufliche Ziele im Gleichgewicht zu halten und ihren Platz in den jeweiligen fachlichen Gemeinschaften zu finden. Der Fokus auf die akademischen Schreibpraktiken von Nachwuchswissenschaftlerinnen beleuchtet, wie das akademische Selbst auch in der vermeintlich einsamen Tätigkeit des Schreibens dialogisch verhandelt und konstruiert wird.

Material

Das Material der Studie ist gleichzeitig vielfältig und konzis. Vielfältig ist es in dem Sinne, dass es fünf unterschiedliche Materialtypen aus fünf verschiedenen schreibbezogenen reflexiven und didaktischen Kontexten enthält:

  1. videobasierte Interviews zu Schreiben und Peerfeedback
  2. Eins-zu-eins-Schreibberatungen mit einer ausgebildeten Schreibberaterin
  3. semistrukturierte Interviews zur Selbstwirksamkeit beim Schreiben
  4. reflexive Texte zu schreibbezogenen Lernprozessen
  5. persönliche Metaphern für akademisches Schreiben

Konzis ist das Material in dem Sinne, dass alle Teilnehmerinnen Frauen in frühen Phasen einer wissenschaftlichen Laufbahn sind (Promotions- und Postdoc-Phase). Außerdem bilden die verschiedenen Materialtypen ein Korpus schreibbezogener Diskurse aus Kontexten, die Reflexion und Veränderung des akademischen Schreibens und des akademischen Selbst fördern, beispielsweise Schreibworkshops, Retreats und Schreibberatungen. Auf diese Weise ergänzt die Studie andere Untersuchungen, die das Zusammenspiel von Schreiben und Identität an akademischen Texten erforschen (einschlägig: Ivanič, 1998).

Analyse

Das Material bildet eine breite Basis für die Analyse verschiedener Stimmtypen, die sowohl zu den Frauen selbst gehören als auch zu anderen Personen und sozialen Gruppen. Welche Stimmen sind dies, woher stammen sie und was ist ihre Funktion für die Schreibpraxis der Nachwuchswissenschaftlerinnen, für ihren Übergang in die Wissenschaft und die Entwicklung eines stimmigen Selbst? Vermutlich interagieren Stimme verschiedener Ebenen, wenn Nachwuchswissenschaftlerinnen ihr akademisches Schreiben diskutieren und reflektieren. Einerseits gibt es kollektive Stimmen wie die Stimme der jeweiligen Disziplin oder die rollenbezogene Stimme der Mutter oder der Partnerin. Andererseits gibt es individuelle Stimmen, die in Bezug zu konkreten Anderen stehen. Beispielsweise ist dies Meine-Stimme-als-Betreute in Bezug zur Stimme-meiner-Betreuerin. Die Analyse untersucht sowohl die Unterschiede zwischen Schreiberinnen bezüglich dessen, welche Stimmen für ihre persönlichen Schreibpraktiken und -kontexte relevant sind, als auch allgemeinere Typen von Stimmen, die über die Fälle hinweg identifiziert werden können.

Literatur